Arbeits(zeit)modellierung – „Freitags ist sie nie da“

Dieser Artikel ist entstanden für die Blogparade Teilzeit von Melanie Belitza und hat erst einmal so gar nichts mit unserem Garten zu tun. Zumindest nicht direkt. Am Ende haben wir natürlich auch deswegen viel mehr Zeit für ihn – und andere schöne Dinge!

Meine erste Teilzeit war nicht freiwillig, im Gegenteil. Mein befristeter Arbeitsvertrag in einer Landesbehörde konnte mit Glück nach Ablauf der Frist verlängert werden, indem freie Beschäftigungsvolumina anderer Stellen „zusammengekratzt“ und für mich bereitgestellt wurden – immer für kurze Zeit. So lernte ich innerhalb von anderthalb Jahren alle möglichen Teilzeitvarianten kennen: die 20-Stunden-Woche, die 25-Stunden-Woche, die 30-Stunden-Woche, die 35-Stunden-Woche…ich hatte sie alle 🙂 . Genug Zeit, um irgendwo dazwischen ein gutes Gleichgewicht zwischen „zu wenig Zeit“ und „zu wenig Geld“ zu erlangen.

Dann bekam ich eine volle Stelle, immer noch befristet zwar, aber immerhin meine eigene und nicht abhängig von den ungenutzten Stunden der Kollegen. Inzwischen war ich im öffentlichen Dienst auch auf die nächste Gehaltsstufe gerückt. Es war toll, nach dem Studium endlich irgendwo angekommen zu sein, wo Geld- und Existenzsorgen langsam mal in den Hintergrund treten. Stattdessen wurde aber die Freizeit ein hohes Gut. Und ich fing an, mir bzw. uns in dieser knappen Zeit zunehmend „mal was zu gönnen“ – vor allem Sachen, die Geld kosten und die man auch noch nach einer vollen Arbeitswoche genießen kann. Essen gehen zum Beispiel oder Online-Shopping.

Doppeltes Gehalt, keine Zeit

Fazit der Vollzeit: Zu zweit mit doppeltem Gehalt ohne Kinder in einer schönen Gegend in einem Haus mit großem Garten sitzen und kaum dazu kommen, es zu genießen, und sich mit Sachen entschädigen, die Geld kosten.

Die Idee mit der Teilzeit hatten wir mehr oder weniger gemeinsam. Einen Tag weniger arbeiten, jedes Wochenende wäre einen Tag länger – das müsste doch machbar sein! Und es war machbar. Seit letztem Herbst (Jörg) bzw. Winter (ich) arbeiten wir beide nur noch vier Tage, 32 Stunden, freitags sind wir nie da. Jedes Wochenende ist ein langes Wochenende, es ist herrlich. Vorausgesetzt, es haut mit dem Geld hin: Ganz klare Weiterempfehlung!

„Teilzeit? Aber warum?“

Obwohl Teilzeit bei mir im Amt keine Seltenheit ist, war mein Antrag offenbar eine Überraschung. „Wieso denn?“ fragten viele. Wer bei uns in Teilzeit arbeitet, hat entweder Kinder, pflegebedürftige Angehörige, ist selbst nicht mehr so jung oder fit, oder die Stelle gibt mehr Stunden nicht her. Auf jeden Fall sind die Gründe andere, als dass man verhältnismäßig jung und kinderlos einfach sagt: „Nö, das reicht mir. Ich habe lieber einen Tag mehr frei als ein paar Hundert Euro mehr auf dem Konto“. Entsprechend unterschiedlich waren die Reaktionen – von „Alles richtig gemacht! Geld ist nicht alles!“ bis hin zu „Ich weiß gar nicht, wie die jungen Leute sich das vorstellen mit ihren Ideen. Keiner will mehr richtig arbeiten…das hätten wir uns damals gar nicht erlauben können, wer hätte denn den Betrieb am Laufen gehalten!“ Teilzeit wird scheinbar (ich will jetzt nicht sagen, insbesondere bei älteren und männlichen Arbeitnehmern, deren Frauen „höchstens Teilzeit“ arbeiten, tue es aber doch 😉 ) oftmals gleichgesetzt mit fehlendem Ehrgeiz und gilt als das Gegenteil von „der richtigen Arbeit“ und damit von beruflichen Ambitionen, als reine Notlösung für Eltern (welcher Elternteil dann überwiegend Teilzeit arbeitet, ist auch bekannt…) und so weiter.

Oh ja, ganz unerhört, was man sich erlaubt, wenn man einfach sagt, mehr Geld brauche ich nicht, ich hab´ lieber mehr frei ;-). Wenn ich eines in der Teilzeit-Zeit nie gehört habe, dann ist es: „Oh nein, jetzt bleibt ja deine ganze Arbeit liegen!“

…und jetzt bitte noch etwas flexibler!

Nicht erst seit Corona arbeite ich auch an der „Stufe Zwei“ meiner Arbeitsmodellierung: mobiles Arbeiten, ortsunabhängiges Arbeiten, Remote Work – wie auch immer man es nennen will. In unserem Amtsdeutsch existiert dafür der Begriff „alternierende Telearbeit“, aber das trifft es nicht ganz. Arbeit losgelöst von einem Ort (oder einem genehmigten zweiten Ort) zu betrachten – das wäre die Lösung!

So lange es auch das Wort „Präsenzpflicht“ im Amtsdeutschen noch gibt, haben flexible Arbeitsmodelle es trotz aller gegenteiligen Beteuerungen schwer. „Aber warum denn?“ wird auch hier gefragt. Die nachvollziehbaren Gründe für „Telearbeit“ bzw. „Home Office“ wären dieselben wie die für Teilzeit: Betreuung von Angehörigen, gesundheitliche Probleme…nicht aber die Tatsache, dass die Arbeit nicht erst durch das Betreten dieses einen Büros zu „richtiger“ Arbeit wird!

Für die Zukunft wünsche ich mir, von einem Ort namens „Egal-wo“ arbeiten zu können. Es gibt so viele tolle Plätze auf der Welt, an denen man bestens ein (gerne auch dienstliches) Notebook aufklappen kann!

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